Elektromobilität ist Gebäudesache
Im Interview erklärt Mobilitätsexpertin Maren Petry, warum Ladeinfrastruktur, Energie und die Gewerke künftig stärker zusammenspielen müssen und wie ganzheitliche Lösungen entstehen.
1. Frau Petry, seit Mai 2026 leiten Sie die Berliner Agentur für Elektromobilität eMO. In Ihrer täglichen Arbeit erleben Sie, wie Mobilität und Gebäudetechnik immer stärker zusammenwachsen. Wo stehen wir heute und wo gibt es noch den größten Nachholbedarf?
Wir stehen heute an einem Punkt, an dem Mobilität und Gebäudetechnik zunehmend zu einem Gesamtsystem werden. Besonders im Neubau wird Elektromobilität idealerweise längst nicht mehr als separates Thema betrachtet, sondern von Anfang an in die Planung integriert. Ladeinfrastruktur, Photovoltaik-Anlagen, Batteriespeicher, Wärmepumpen und intelligente Energiemanagementsysteme werden immer häufiger gemeinsam gedacht und aufeinander abgestimmt.
Gebäude entwickeln sich damit vom reinen Energieverbraucher zu einem aktiven Bestandteil des Energiesystems. Sie erzeugen, speichern und verteilen Energie und ermöglichen gleichzeitig das Laden von Elektrofahrzeugen.
Den größten Nachholbedarf sehen wir im Gebäudebestand. Viele Bestandsgebäude verfügen über veraltete technische Infrastrukturen, die nicht für die zusätzlichen Anforderungen moderner Energiesysteme ausgelegt sind. Die Nachrüstung von Ladeinfrastruktur oder intelligentem Energiemanagement ist dort oft deutlich komplexer und mit höheren Investitionen verbunden. Gleichzeitig liegt gerade hier ein enormes Potenzial, das wir für die Energie- und Mobilitätswende erschließen müssen.
2. Die eMO unterstützt Unternehmen beim Aufbau von Ladeinfrastruktur und der Elektrifizierung ihrer Fuhrparks. Vor welchen Herausforderungen stehen Handwerksbetriebe dabei besonders häufig und welche Lösungen haben sich in der Praxis bewährt?
Viele Handwerksbetriebe haben inzwischen sehr gute Erfahrungen mit Elektrofahrzeugen gesammelt. Die Rückmeldungen zeigen, dass die Technologie im Alltag funktioniert und wirtschaftlich attraktiv sein kann. Unser Ziel als eMO ist es deshalb, die breite Skalierung und den Einstieg weiterer Betriebe zu unterstützen.
Die Ausgangssituation ist allerdings bei jedem Unternehmen unterschiedlich. Eine häufige Herausforderung ist die begrenzte Netzanschlussleistung am Betriebsstandort. Hier haben sich intelligente Lastmanagement-Systeme bewährt, die die verfügbare Ladeleistung flexibel auf mehrere Fahrzeuge verteilen und dadurch kostspielige Netzverstärkungen reduzieren können.
Ein weiteres wichtiges Thema ist die Einsatzsicherheit der Fahrzeuge. Handwerksbetriebe müssen sich darauf verlassen können, dass ihre Fahrzeuge täglich einsatzbereit sind. Deshalb empfiehlt sich oft eine schrittweise Elektrifizierung der Flotte. Viele Unternehmen beginnen zunächst mit Fahrzeugen für standardisierte Fahrprofile und sammeln Erfahrungen, bevor sie auf komplexere Spezialfahrzeuge umsteigen.
Gerade kleinere Betriebe sehen außerdem die Investitionskosten als Hürde. Deshalb spielen Förderprogramme eine wichtige Rolle. Mit Angeboten wie dem Berliner Förderprogramm Wirtschaftsnahe Elektromobilität – kurz WELMO – wird kleinen und mittleren Unternehmen der Einstieg in die Elektromobilität deutlich erleichtert. Das Programm fördert unter anderem die Anschaffung elektrischer Nutzfahrzeuge sowie den Aufbau von Ladeinfrastruktur. Gern informieren wir dazu.
3. Warum reicht es heute nicht mehr aus, Ladeinfrastruktur isoliert zu betrachten? Weshalb muss sie bereits bei der Planung von Gebäuden mitgedacht werden?
Ladeinfrastruktur ist heute weit mehr als eine technische Ergänzung. Sie entwickelt sich zunehmend zu einem festen Bestandteil der Gebäude- und Energieinfrastruktur und muss deshalb bereits in der Planungsphase berücksichtigt werden.
Ein wesentlicher Grund sind die Leistungsanforderungen. Mehrere Ladepunkte können zu den größten elektrischen Verbrauchern eines Gebäudes gehören. Das hat unmittelbare Auswirkungen auf die Dimensionierung des Netzanschlusses, die Kabeltrassen, die Stromverteilung und die technische Gebäudeausstattung.
Hinzu kommt, dass Ladeinfrastruktur heute eng mit dem Energiemanagement eines Gebäudes verknüpft ist. Intelligente Ladesysteme können beispielsweise überschüssigen Solarstrom nutzen oder Fahrzeuge bevorzugt dann laden, wenn die Netzbelastung gering ist. So entstehen wirtschaftliche und netzdienliche Lösungen.
Wenn Ladeinfrastruktur frühzeitig mitgedacht wird, lassen sich spätere Nachrüstungen vermeiden und Gebäude langfristig effizienter und zukunftsfähiger gestalten.
4. Die gedatec bringt erstmals Elektro-, SHK- und Dachhandwerk auf einer gemeinsamen Plattform zusammen. Warum ist diese gewerkeübergreifende Zusammenarbeit aus Sicht der eMO für das Gelingen der Energie- und Mobilitätswende immer wichtiger?
Die Energie- und Mobilitätswende ist längst keine Aufgabe einzelner Gewerke mehr. Die verschiedenen technischen Systeme wachsen immer stärker zusammen und entfalten ihren größten Nutzen erst im Zusammenspiel.
In unseren Projekten sehen wir oft eine Kombination aus Photovoltaikanlage, Wärmepumpe, Batteriespeicher und Ladeinfrastruktur. Damit ein solches System effizient funktioniert, müssen Elektro-, SHK- und Dachhandwerk eng zusammenarbeiten. Die Schnittstellen zwischen den Gewerken werden dabei immer wichtiger.
Gleichzeitig erwarten Kundinnen und Kunden zunehmend integrierte Lösungen aus einer Hand. Sie möchten nicht zahlreiche Einzelkomponenten koordinieren, sondern ein aufeinander abgestimmtes Gesamtkonzept erhalten.
Aus Sicht der eMO wird die Energie- und Mobilitätswende deshalb nur gelingen, wenn wir die traditionellen Grenzen zwischen den Gewerken überwinden und stärker vernetzt denken und arbeiten. Daher freuen wir uns sehr, dass die gedatec genau dies ermöglicht.
5. Die eMO ist auf der gedatec mit dem eMO-Forum vertreten. Was erwartet die Besucherinnen und Besucher?
Resilienz, z.B. in Form von resilienter, bi-direktionaler Ladeinfrastruktur und die Zukunft der Elektromobilität stehen im Mittelpunkt des eMO-Forums. Wir hören spannende Impulse und Best-Practice-Beispiele von unseren langjährigen eMO-Partnern, wie den Stadtwerken Berlin und JOLT. Zu bidirektionalem Laden, besonders im Bereich Vehicle-to-Home und seinen Chancen für die intelligente Energieversorgung freuen wir uns auf Expert*innen, u.a. von Stromnetz Berlin oder Grid&Co. Alle Vortragenden werden danach in einer offenen Paneldiskussion für Rückfragen zur Verfügung stehen. Anschließend laden wir zum kurzweiligen Get-Together und Netzwerken ein oder die Teilnehmenden können sich geführten Rundgängen über die Messe anschließen.
6. Worauf freuen Sie sich persönlich auf der ersten gedatec?
Ich freue mich besonders darauf, Menschen aus unterschiedlichen Branchen zusammenzubringen und neue Perspektiven kennenzulernen. Genau darin liegt für mich die Stärke der gedatec: Sie schafft einen Raum, in dem die Themen Energie, Gebäude und Mobilität gemeinsam diskutiert werden können.
Spannend finde ich außerdem den direkten Austausch mit Handwerksbetrieben, Technologieanbietern und Anwender*innen. Innovation entsteht oft dort, wo unterschiedliche Erfahrungen und Blickwinkel aufeinandertreffen.
Natürlich freue ich mich auch darauf, mit unserem eMO-Forum aktuelle Entwicklungen rund um intelligente Ladeinfrastruktur und Elektromobilität zu diskutieren. Die Energiewende und die Mobilitätswende sind Gemeinschaftsaufgaben, und Veranstaltungen wie die gedatec leisten einen wichtigen Beitrag dazu, die relevanten Akteur*innen miteinander zu vernetzen.
📅 eMO-Forum auf der gedatec:
14.10.2026 | 14:00-17:00 Uhr
Halle 2.2 - Stand 215
Zur Person:
Maren Petry ist Leiterin der Berliner Agentur für Elektromobilität eMO bei Berlin Partner für Wirtschaft und Technologie GmbH. Zuvor leitete sie das Transformationsprojekt ReTraNetz-BB und beschäftigte sich mit den Herausforderungen und Chancen des Wandels in der Automobil- und Mobilitätsbranche.
Vor ihrem Wechsel zu Berlin Partner war sie zehn Jahre in China tätig, davon acht Jahre bei der Deutschen Auslandshandelskammer. Dort arbeitete sie an Innovations- und Mobilitätsthemen sowie an der Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und Politik.
Ihre Schwerpunkte liegen in den Bereichen Mobilität, Elektromobilität, Innovationsökosysteme, Netzwerkmanagement und Transformationsprozesse. Dabei verbindet sie internationale Erfahrung mit langjähriger Praxis in der Wirtschaftsförderung.

Portraitfoto von Maren Petry, Leiterin der Berliner Agentur für Elektromobilität eMO bei Berlin Partnerk